Runenkästchen von Auzon

Das Runenkästchen von Auzon auch nach seinem Finder als Franks Casket bezeichnet ist, seinem Namen Gemäß, ein mit Runen verziertes Kästchen aus dem 7. Jahrhundert. Die folgenden Deutungen basieren auf: Alfred Becker, Franks Casket. Zum Runenkästchen von Auzon (Regensburg 1973) und ders. Franks Casket

Das Kästchen

Das Runenkästchen ist aus Walknochen (nicht etwa aus Walroßzahn!) gefertigt. Wegen der Plattengröße wird man dafür Knochenteile vom Kiefer des Tieres verwendet haben. Die Tafeln haben folgende Maße:

Vorder- und Rückseite ca. 23 cm x 10.5 cm; die Schmalseiten ca. 19 cm x 10.5 cm; der Deckel, soweit erhalten, ca. 22,5 cm x 8.5 cm.

Die vier Seitenplatten sind mit je zwei Zapfen an den Schmalseiten in die vier rechtwinkligen Streben eingelassen, die so die senkrechten Außenkanten bilden. Wie Bohrlöcher erkennen lassen, waren Platten und Streben durch Stifte fest miteinander verbunden. Silberne Laschen verdeckten diese unbearbeiteten Stellen. Die Bodenplatte war in die so zusammengefügten Platten und Kanten eingelassen.

Der Deckel, von dem allein die mittlere Bildleiste erhalten ist, war auf ähnliche Weise mit den jetzt fehlenden Teilen verbunden. Ursprünglich hat er, wie die ausgesparte Stelle dort zeigt, einen kreisrunden Beschlag getragen, vielleicht einen Griff oder Knopf, während auf der Vorderseite ein Schloß eingelassen war. Auch sonstige Beschläge fehlen. Daß sie aus Silber gefertigt waren, behauptet die Fundgeschichte.

Demnach befand sich das Kästchen Mitte des 19. Jh. im Besitz einer Bürgerfamilie in Auzon, Haute Loire (Frankreich). Dort hatte es als Nähkästchen gedient, bis ein Sohn des Hauses die Silberteile demontierte, um sie zu „versilbern“, d.h. für einen Silberring einzutauschen. Damit zerfiel der Behälter in seine Einzelteile. Diese nun entdeckte ein Professor Mathieu aus dem nahen Clermont-Ferrand, der sie an einen Antiquitätenhändler in Paris vermittelte. Dort entdeckte sie 1857 der Kunstsammler und Archäologe, Sir Augustus W. Franks. Er erkannte als erster den angelsächsischen Ursprung der Schnitzerei, kaufte sie auf und überließ sie später dem Britischen Museum, London.

Eine Platte allerdings fehlte. Die rechte Tafel wurde später in einer Schublade bei jener Familie in Auzon gefunden und gelangte aus dem Besitz eines Herrn Carrand aus Lyon in die Sammlungen des Bargello Museums, Florenz. In London komplettiert nun ein Abguß dieser Seite das zusammengefügte Kästchen.

So heißt es nun nach seinem Fundort „Runenkästchen von Auzon“ oder nach seinem Finder „Franks Casket“ und steht geschützt und klimatisiert zwischen den Funden aus der Zeit der Angelsachsen in Mittelalterabteilung des Britischen Museums. Welcher Besucher, der an dem Exponat vorbeigeht, erkennt die Bilder, kann die Inschriften lesen oder ahnt gar etwas von der geheimnisvollen Kraft, die der Meister in seinem Werk verlieh?

Runenkästchen von Auzon (spätes 7. Jh.) mit altenglischen Stabreimversen in Runen, vordere Tafel: Szene aus der Wieland-Sage

Geschichtlicher Hintergrund

siehe: Nordhumbrien im 7. Jahrhundert

Runen- und Zahlenmagie

Die germanische Runenreihe, fuþark, setzt sich aus 24 Runen zusammen, wobei jede Rune gleichsam für eine Sache steht, ja fast mit ihr identisch ist. So heißt die f-Rune im angelsächsischen Runenlied feoh, das altenglische Wort für „Vieh“. Da dies das frühste Zahlungsmittel war, bezeichnet das Wort schließlich jeglichen beweglichen, also geldgleichen Besitz. Eine andere Rune steht dagegen für die Immobilie, den Grundbesitz. Die g-Rune heißt gifu, Gabe, eine wichtige Einnahmequelle in jenen Tagen, als Gehälter noch unbekannt waren. Und da man all diese 24 Zeichen für magisch wirksam hielt, bildeten sich ganz bestimmte Ritztechniken heraus, um deren Kraft zu nutzen. Das konnte die Mehrung des Besitzes durch den Empfang von Gaben betreffen, ebenso auch Gesundheit oder göttlichen Beistand im Kampf. Neben den Segenswunsch tritt der nach Abwehr von Schaden, aber auch der Schadenszauber gegen ungeliebte Mitmenschen.

Die Anzahl der Runen (24) im sog. Älteren fuþark ergibt sich nicht etwa aus der Zahl der erforderlichen Laute, sie ist vielmehr zahlenmagisch begründet. Neben der 11 sind besonders 3, 4 und 8 wirksame Zahlen, und mehr noch die Produkte dieser Zahlen (24, 48, 72 etc. bzw. 240, 480, 720 usw., aber auch 3, 9 etc., 30, 90 etc. bzw. 300, 900 usw.). So ist es nicht verwunderlich, daß die Runenreihe in 3 Gruppen (ættir) zu je 8 Runen (ætt) aufgeteilt ist. Zählt man die Zahlen 1 bis 24 zusammen, erhält man den Runenwert 300. Allerdings dürfte jede Zahl eine Bedeutung gehabt haben; und so müssen wir aufpassen, daß wir Zufall und Absicht nicht verwechseln.

In der runischen Praxis heißt dies: Inschriften, zusammengesetzt aus 9, 24, 48, 72 usw. Symbolen, können in magischer Absicht so abgefaßt sein. In die Runenzahl sind aber auch in den Text eingefügte Punkte (Zahl und Wert je 1) einzubeziehen. Sie wurden gelegentlich notwendig (F-Platte), um bestimmte Runenzahlen oder –werte zu erreichen; denn neben der Runenzahl kann auch der Runenwert magisch wirksam sein. Im fuþark wäre also f = 1, u = 2, þ = 3 usw., Gesamtsumme 300. Wenn sich also im Idealfall eine Inschrift aus 72 Zeichen (Runenzahl) zusammensetzt, die den Wert 720 (Runenwert) ergeben, dann dürfte zweifelsfrei runenmagische Absicht vorliegen. Und genau dies finden wir auch auf dem Runenkästchen. Und mehr! - Später.

Mit dem Lautwandel entwickelte sich das germanische fuþark zum anglofriesischen fuþork, das zunächst 27 (3x9) und später 33 (3x11) Runen aufwies. Dennoch hat sich die auf 3x8 basierende runenmagische Praxis erhalten, wobei auch 9 und 11 besondere magische Qualität hatten.

Wie noch zu zeigen ist, entwickelte der Runenmeister mit seinen zahlenmagischen Praktiken eine Perfektion, die unsere Fähigkeiten am Taschenrechner auf eine harte Probe stellen.


Programm

Kirchliches Reliquiar oder königliche Schatzkiste?

Die ungewöhnliche Bildabfolge hat die Gelehrten der verschiedensten Fachgebiete beschäftigt und zu manchen kühnen Spekulationen verführt. Der Schnitzer hätte seine helle Freude! Doch wenden wir uns den Darstellungen zu und beschränken uns zunächst auf das Unstrittige.

So zeigt die Vorderseite (F-Platte) zum einen Wieland, den gefangenen elbischen Schmied, der hier mittels grausamer Rache und der Hilfe seiner Gefährtin, der Walküre, seine Freiheit zu erlangen sucht. Scheinbar unpassend zu dieser mythischen Greueltat steht daneben das Motiv der Anbetung Christi durch die Magier, die sogenannten „Heiligen Drei Könige“. Die runische Inschrift erzählt, ohne Bildbezug, vom Fisch, der das Material, Walknochen, lieferte.

Die linke Seite (R-Platte) bietet eine recht ungewöhnliche Darstellung der römischen Zwillinge, der Dioskuren Romulus und Remus. Statt der einen lupa (Wölfin) treten zwei Wölfe auf, und statt des Hirten Faustulus bei der Höhle am Tiber, knien hier, in einem Wald, vier Krieger bei den Brüdern und ihren wölfischen Begleitern nieder. Anders als auf der Vorderseite nimmt die Inschrift Bezug auf die Darstellung.

Auf der Rückseite (T-Platte) sehen wir, das verrät die Inschrift, den römischen Feldherrn und späteren Kaiser Titus, der hier Jerusalem im Kampf gegen die Juden erobert, Gericht hält und Geiseln nimmt. So geschehen im Jahre 70 n. Chr.

Weit weniger eindeutig ist die Aussage der rechten Seite (H-Platte). Sie ist aus drei Bildelementen aufgebaut und berichtet, wie es scheint, von einer herh-os, einer Waldgottheit, und vom Tod eines Kriegers. Geheimnisvoll ist auch der Text, der in einer Art runischer Geheimschrift abgefaßt ist.

Der Deckel (D-Platte) schließlich zeigt eine Kampfszene, die Verteidigung eines befestigten Bezirks. Ein Bogenschütze, Aegil, behauptet die Stellung gegen eine feindliche Übermacht. Außer diesem Namen findet sich hier keine weitere Inschrift, welche die Szene deuten könnte.

Nun waren Formen szenischer Darstellung in der traditionellen heidnischen Kunst kaum entwickelt, und da einige derartige Motive des Kästchens deutlich der klassischen bzw. der christlichen Tradition entnommen sind, schien die Frage beantwortet: Eine Arbeit mit solchen Bildern ist ein Produkt religiösen Kunsthandwerks, und dann entweder Reliquiar oder Tragealtar. Richtig ist wohl, daß nur ein vermögender Mensch sich einen solchen Gegenstand leisten konnte, ein hochrangiger Kleriker - oder aber ein weltlicher Herrscher, König oder Adliger.

Es ist fast akademische Tradition, dem Heidentum keine, dem Christentum aber jede kulturelle Leistung zuzuschreiben, was um so leichter fällt, da die junge Kirche überkommene Kulturgüter entweder vernichtete oder aber sich diese, in ein christliches Gewand gekleidet, aneignete. Und so schien das Bild von der Anbetung Jesu, das einzige biblische Motiv auf dem Kästchen, die religiöse Zuordnung der Schnitzerei zu rechtfertigen, wenn auch keine der vier Inschriften eine solche Folgerung nahelegt.

Jedoch macht ein christliches Motiv allein das Kästchen nicht notwendig zum geweihten Gegenstand, insbesondere dann nicht, wenn Name und Abbild - unabhängig von jeder religiösen Bedeutung - auch von Nichtchristen geschätzt wurden. Ihnen ging es um den Beistand der weitgereisten, gabenbringenden „Magier“. Und dieses Wort (in seiner ags. Form mægi) ist in das Bild eingearbeitet. Noch heute sucht man in katholischen Gegenden ihren Schutz und schreibt z.B. 20 + C + M + B + 01 an die Haustür. Damit hat man für das Jahr 2001 eine äußerst kostengünstige Hausratversicherung abgeschlossen. Um Epiphanias, die Offenbarwerdung der Herrlichkeit Christi, geht es dabei sicher nicht.

Wenn also der Wunsch nach Reichtum das Thema der Vorderseite sein sollte, dann stellt sich die Frage, was mit den übrigen Darstellungen bewirkt werden sollte und für wen sie gedacht waren. Da ein geistlicher Würdenträger ausscheidet, kann das Kästchen nur für eine bedeutende Person am Hofe geschaffen sein, - vielleicht für den König oder einen der Prinzen. Da die Herrscherfamilie aber unter der Aufsicht des Klerus stand, wurde es wahrscheinlich doch für einen eher autonomen Gefolgsmann gefertigt. Dieser Mann besaß Land und Leute, also ein Lehen mit entsprechenden Pflichten und ein Gefolge, das er besolden mußte.

Gehörte das Kästchen aber einem weltlichen Kriegsherrn, dann mag der sich von den gabenbringenden Sterndeutern Wohlstand erhofft haben. Seinen Anteil an der Kriegsbeute erhält er als königliche Gabe, feohgift, in der Halle. Die Kleinodien aber, mit denen die Gefolgsleute geehrt werden, fertigt der Schmied; und Wieland ist der Schöpfer goldener Güter (feoh) schlechthin. Und deshalb stellt der Schnitzer den mythischen Schmied neben die biblischen Magier.


Das Kästchen, ein Kriegerleben? Stellen wir uns also unseren Helden vor, einen angelsächsischen Than (Lehensmann des Herrschers), am nordhumbrischen Königshof, irgendwann zwischen 650 und 700. König zu der Zeit war entweder Ecfrid (gest. 685) oder (weniger wahrscheinlich) der fromme und feinsinnige Aldfrid. In dieser Schachtel verwahrt unser Kämpfer seine Schätze, goldene Ringe und Reifen, die er von seinem Herrn erhalten hat, - meist Beutegut, das er (ggf. in Bruchstücken) an seine Gefolgsleute weitergibt. Das ist feohgift, die Ehrengabe an verdiente Krieger der Tafelrunde. Er glaubt, daß die Kraft der Runen und Bilder, der magischen Sprüche und Zahlen, sein Schicksal bestimmt. Er glaubt an Odin und Tyr (ags. Wodan und Tiw), die germanischen Götter, an Walküren und Nornen, an den Lauf von wyrd. Und da er den Gang seines Schicksals beeinflussen möchte, hat er einen (noch) runenkundigen Meister beauftragt. Das schließt nicht aus, daß unser Held in dieser Zeit des Übergangs auch getaufter Christ war, - gleichsam zwischen Kirche und Tempel hin- und hergerissen.

So entwickelt erilaz, unser Runenmeister, ein Programm, dessen Bilder gleichsam als Embleme für den beschworenen Schicksalslauf seines Schützlings stehen: Da ist zunächst die besondere Geburt in eine besondere Familie (Magierbild), dann die Verbindung mit einer getreuen Gefährtin (Wielandbild). Diese beiden Motive der F-Platte sichern zugleich sein Vermögen, den geldgleichen Besitz, feoh, so wie die f-Rune f heißt, und den Zugewinn durch Gaben (gifu), wie es in der g-Rune g zum Ausdruck kommt. Kaum ein Zufall, daß f und g die stabtragenden Runen des Textes dieser Seite sind, womit die Verbindung von Wort und Bild hergestellt ist. Aber das ist nur der Anfang.

Ist der Hausstand ideell und materiell gesichert, so wird unser Held dem Ruf seines Herrschers zum Kampf folgen. Mit othlae unneg, „der Heimat unnahe“, wird der Text zum Bild der römischen Zwillinge auf der R-Platte eingeleitet. Die Dioskuren, Söhne des Mars, gelten als Reisehelfer, ebenso wie andere mythische Zwillingspaare. Der Runenmeister entscheidet sich für sie, denn ihr Name lautet mit ‚R’ an. r steht für die Reise, den Weg. So ist es nur folgerichtig, wenn hier ein Krieger im Heiligen Hain ihren Schutz für sich und seine Truppe erfleht. Diese Hilfe soll auch unserem Helden zuteil werden.

Im Kampf möchte unser Krieger siegreich wie Titus sein, Beute machen, dann aber auch Gerechtigkeit üben. Und genau das besagt die t-Rune, t,, und das zeigt auch das Bild der T-Platte. Sieg und Gerechtigkeit machen die Würde des Kriegers aus. Wenn solches Schicksal auch unserem Krieger vergönnt ist, dann hat sein Schicksalslauf ihm mit Ehre und Ruhm das Nachleben gesichert.

Wenn nun wyrd sein Ende bestimmt, dann wird im Kampf sterben, erwählt von seiner Walküre. So die H-Platte. Als Schreckenswesen wird sie seinen Tod bewirken, um ihn dann als liebliche Gefährtin aus dem Todesschlaf zu erlösen. Das spiegeln auch die stabtragenden Buchstaben wider, wenn sie von der h-Rune h zur s-Rune s wechseln. Die Niederlage wird zum Triumph.

Wenn das Deckelbild den Schluß des Programms bildet, dann geht es hier um dieses Nachleben, dann versetzt uns die Szene nach Walhalla. Was jenem Bogenschützen aus einer verschollenen Sage vergönnt war, das sucht unser Runenmeister seinem Schützling zu sichern.

Die sechs Bilder zeigen also Szenen aus Sage und Mythologie, die emblematisch für den solcherart beschworenen Schicksalslauf unseres Helden stehen. Daß mit der Bilderfolge eine magische Absicht verbunden ist, läßt sich durch die Untersuchung runen- und zahlenmagischer Praktiken belegen.


Runenkästchen von Auzon Vorderseite F-Platte

Feoh byth frofur fira gehwylcum ...

Reichtum ist jedem eine Freude ...

oder: Geld bewegt die Welt

1. Inschrift und Magie - Die Verse vom Wal

Vorderseite: Text


2.1 Das Magierbild

Vorderseite: Magierbild


2.2 Das Wielandbild

Vorderseite: Wielandbild


3. Runenzahl und Runenwert

Vorderseite:Runenzahl und Runenwert


Runenkästchen von Auzon Linke Seite R-Platte

Romulus und Remus

Rad byth on recyde ... Oder: Wenn einer eine Reise tut ...

(a ride) seems easy to every warrior while he is at home, and very courageous to him who traverses the highroads on the back of a stout horse. (Ags. Runic Poem)

(Ein Ritt erscheint den Krieger leicht, solange er daheim ist, sehr wagemutig jedoch dem, der auf dem Pferderücken die Lande durchstreift. (Angelsächsisches Runenlied)

Linke Seite


Runenkästchen von Auzon Rückseite T-Platte

Titus

Tyr bith tacna sum, healdeth trywa wel with aethelingas...
Tyr (Ehre)ist ein (leitender) Stern; er ist den Edlen treu...
Oder: Sieger und Verlierer

Rückseite


Runenkästchen von Auzon Rechte Seite H-Platte

Haegl byth the hwitust corna
Oder: Wie sterbe ich den Heldentod?

Rechte Seite


Runenkästchen von Auzon Deckel Æ-Platte

Von Walhalla und Ragnarök Oder: Da kämpfen Götter selbst vergebens ...

Deckel


Zusammenfassung

Die fünf Platten des Kästchens zeigen sechs emblematische Szenen und vier Texte. Mit ihnen will der Runenmeister das Leben seines Schützlings magisch beeinflussen, und zwar von dessen Geburt bis zum Heldentod und danach ... Odins Walhalla, nach germanischer Auffassung.

Vier Bilder auf drei Platten (F, R und T) sowie drei Texte, eingeleitet durch Fisc, Romulus und Titus, beziehen sich (Glück wünschend) auf das Leben des Recken von dessen Geburt und Partnerschaft (F für Wohlstand) über den Beistand auf dem Weg in die Schlacht (R für den Weg und Kampf) bis hin zum Erfolg (T für Sieg).

Tod und Nachtod sind das Thema der übrigen Darstellungen. Die H-Platte möchte (Schicksal lenkend) dem Erwählten Heldentod und Auferstehung sichern (H für Unheil, A und E für Abwehr, S für Leben). Der Deckel schließlich verheißt die Gemeinschaft mit den Einheriern, - vielleicht sogar den Wandel vom Schutzbedürftigen (H-Platte) zum Beschützer (Æ-Platte), eine germanische Apotheose.

Das Programm des Kästchens scheint den ersten fünf Runen des fuÞor(k) zu entsprechen: f für Wohlstand (Platte F), u für die göttliche Kraft im Kampf (Platte R), Þ für den von Thor (hier: Tyr) vergönnten Sieg (Platte T), o für die Heimkehr zu os, zum Asen Odin (Platte H). Wenn schließlich die fünf Punktmarken auf dem Deckelbild den Schützen (Beschützer) als Helfer im Sinne von r kennzeichnen, dann spiegeln die Bilder den Auftakt der Runenreihe wider. Stimmt dies, dann würde es vielleicht auch ein Licht auf den Aufbau des fuÞark’s werfen.

Die magische Formel folgt einem festen Schema: Auf den linken Leisten der Platten F,R,T steht eine Wendung, die wir als Inkantation (Beschwörungsformel) bezeichnen. Diese setzt sich immer aus 9 Runen zusammen, deren Runenwerte durch 3 teilbar sind. (123 + 102 + 105 = 330; 330 : 3 = 110) Die Gesamtsumme der Werte beträgt 330, was 3 x 110 entspricht. Eine vergleichbare Formel aus 9 Runen finden wir auf der H-Platte am rechten Rand. Deren Runenwert beträgt nun exakt 110, also 440 für alle vier Inkantationen. Zufall?

Auf diese Formeln folgen die thematischen Runen f g – r – t – s, dazu kommt A(Deckel). Die Summe der Runenwerte, 7 + 1 (F) +5 (R) + 17 (T) + 16 (H) + 26 (Æ), beträgt 72 (3 x 24). Zufall?

Dann gibt es noch die takttragenden bzw. alliterierenden Runen, für die wir diese Werte ermittelt haben: 24 (F), 48 (R), 50 (T), 110 (H). Bemerkenswerte Zahlen, jedoch unbedeutend in der Summe (232). Mit dem Anlaut der Bildinschriften wären es 291, eben 9 Punkte zu wenig für ein heureca. Diese ließe zwar mit der Annahme eines dritten alliterierenden h-Rune (Trennung: her – hos) finden, was aber recht ungesichert bliebe. Vielleicht ist etwas unberücksichtigt geblieben. Dennoch, die aufsteigende Folge sinnvoller Werte spricht für ein System.


Auch die Runenzahl der jeweiligen Platte basiert auf dem Produkt von 24, wobei die 74 Runen auf (H) und die 22 der Bildinschriften (B), addiert werden. Die Summe der Runenzahlen 72 (F) + 72 (R) + 48 (T). + 96 (H+B) = 288 (12 x 24). Zufall?

Der Runenwert aller Bildinschriften (mægi etc.) beträgt 300, was übrigens auch der Wert der 24 Runen des fuÞark ist. Die Platte F hat den Wert 720 (!), R den (angenommenen) Wert 960, T den Wert 612 und H den Wert 1008. Alle diese Runenwerte lassen sich ohne Rest durch den Wert der magischen Rune(n) ihrer Seite teilen, z.B. (F) 720 : 8 = 90. Zufall?

Selbst die Summen und Werte einzelner Runen aller Inschriften zusammen genommen, produzieren Werte, die eindeutig in Bezug zur magischen Absicht des Kästchens stehen.(Vgl. Inschriften).

Zusammengezählt (300 + 720 + 960 + 612 + 1008), ergibt das die Summe 3600, (12 x 300). Wenn nun die Runenzahl (288) 12 x 24 entspricht [wobei die 24-typige Runenreihe fuÞark den Wert 300 hat], und der Runenwert (3600) 12 x 300 beinhaltet, dann ist dem Runenmeister ein in Zahl und Wert identischer Text gelungen. Zufall?

Denken wir noch einmal an die Rosette im Magierbild zurück, die mit ihren 13 Blättern kalendarische Funktion haben kann. Nun wissen wir, daß die alte germanische Woche 5 Nächte zählte (altnordisch fimmt). 72 solcher Wochen bilden ein Jahr mit 360 Tagen, in unserem Fall einen Zyklus von 720 Wochen, also 10 Jahren mit 3600 Tagen.

Oder auch das: Wenn wir dabei einen Mondmonat mit ungefähr 28 Tagen annehmen und dies auf 3600 beziehen, dann erhalten wir 10 Jahre zu je 13 Monaten mit 27,7 Tagen. Das sind etwa 27 Tage, 17 Stunden und 48 Minuten. Tatsächlich beträgt der siderische Monat 27 Tage, und knapp 8 Stunden.

Nun werden 10 Jahre kein Verfallsdatum sein, eher eine sich unendlich fortsetzende Potenz oder ein sich wiederholender Zyklus. Der läßt sich im lateinischen Text der Rückseite finden. Nach dem selben Muster wie die Runen berechnet, ergibt er den Wert 238. Nun umfaßt der Metonische Zyklus von 19 Jahren, wo nach 235 Lunationen der Mond wieder denselben Stand erreicht. Da das Jahr von der Jahresbeginn an gerechnet wird (Geburt), endet es der Zyklus auf mit einem Jahresende (Tod). Drei weitere Lunationen (Vollmondphase) führen zum Frühlingspunkt, der als Ostern (Wiedergeburt bzw. Auferstehung)gefeiert wird.

Was auch immer, - alles weist hin auf die magischen Qualitäten der Schatulle. Aber hat der Zauber wirklich etwas bewirkt? Hat unser Degen ein ruhm- und siegreiches Leben durchlebt? Hat seine Walküre ihn über die Schlachtfelder und durch die Biergärten Asgards geführt? Das steht in Walhallas Analen, und das natürlich in Runenschrift.
Quelle: Franks Casket


Siehe auch


Literatur

· Alfred Becker: Franks Casket. Zu den Bildern und Inschriften des Runenkästchens von Auzon (Regensburg 1973)mit umfassender Bibliographie bis 1970.

· Alfred Becker, Franks Casket Revisited," Asterisk, A Quarterly Journal of Historical English Studies, 12 (2003), 83 -128.

· E.G. Clark, "The Right Side of the Franks Casket," PMLA, 45 (1930), pp. 339-353.

· M. Clunies Ross, A suggested Interpretation of the Scene depicted on the Right-Hand Side of the Franks Casket, Medieval Archaeology 14 (1970), pp. 148-152.

· S.T.R.O. D'Ardenne, "Does the right side of the Franks Casket represent the burial of Sigurd?" Études Germaniques, 21 (1966), pp. 235-242.

· W. Krogmann, "Die Verse vom Wal auf dem Runenkästchen von Auzon," Germanisch-Romanische Monatsschrift, N.F. 9 (1959), pp. 88-94.

· J. Lang, "The Imagery of the Franks Casket: Another Approach," in J. Hawkes & S. Mills (ed.) Northumbria’s Golden Age (1999) pp. 247 – 255

· K. Malone, "The Franks Casket and the Date of Widsith," in A.H. Orrick (ed.), Nordica et Anglica, Studies in Honor of Stefán Einarsson, The Hague 1968, pp. 10-18.

· Th. Müller-Braband, Studien zum Runenkästchen von Auzon und zum Schiffsgrab von Sutton Hoo; Göppinger Arbeiten zur Germanistik 728 (2005)

· Jane Hawkes and Susan Mills (editors), Northumbria's Golden Age (1999) with articles by L. Webster, James Lang, C. Neuman de Vegvar on various aspects of the casket.

· M. Osborn, "The Grammar of the Inscription on the Franks Casket, right Side," Neuphilologische Mitteilungen 73 (1972), pp. 663-671.

· M. Osborn, The Picture-Poem on the Front of the Franks Casket, Neuphilologische Mitteilungen 75 (1974), pp. 50-65.

· M. Osborn, "The Lid as Conclusion of the Syncretic Theme of the Franks Casket," in A. Bammesberger (ed.), Old English Runes and their Continental Background, Heidelberg 1991, pp. 249-268.

· K. Schneider, "Zu den Inschriften und Bildern des Franks Casket und einer ae. Version des Mythos von Balders Tod," in Festschrift für Walther Fischer," Heidelberg 1959, pp. 4-20.

· P. W. Souers, "The Top of the Franks Casket," Harvard Studies and Notes in Philology and Literature, 17 (1935), pp. 163-179.

· P. W. Souers, "The Franks Casket: Left Side," Harvard Studies and Notes in Philology and Literature, 18 (1936), pp. 199-209.

· P. W. Souers, "The Magi on the Franks Casket," Harvard Studies and Notes in Philology and Literature, 19 (1937), pp. 249-254.

· P. W. Souers, "The Wayland Scene on the Franks Casket," Speculum 18 (1943), pp. 104-111.

· K. Spiess, "Das angelsächsische Runenkästchen (die Seite mit der Hos-Inschrift)," in Josef Strzygowski-Festschrift, Klagenfurt 1932, pp. 160-168.

· A.L. Vandersall, "The Date and Provenance of the Franks Casket," Gesta 11, 2 (1972), pp. 9-26. · L. Webster, "The Franks Casket," in L. Webster - J. Backhouse (eds), The Making of England: Anglo-Saxon Art and Culture, AD 600-900, London 1991, pp. 101-103.

· L. Webster, "The Iconographic Programme of the Franks Casket," in J. Hawkes & S. Mills (ed.) Northumbria’s Golden Age (1999), pp. 227 - 246

· L. Webster, "Stylistic Aspects of the Franks Casket," in R. Farrell (ed.), The Vikings, London 1982, pp. 20-31.

· A. Wolf, "Franks Casket in literarhistorischer Sicht," Frühmittelalterliche Studien 3 (1969), pp. 227-243.